
Textausschnitt
"Von wegen Wanderlust – einen schönen Schwindel hat der Dichter der Nachwelt da aufgetischt. Jener fröhlich wandernde Müller ist eine freie Erfindung der Kunst, der Literatur vor allem. Mit den historischen Handwerksburschen auf der Walz hat der Mythos, der den Wanderer und die Kulturpraxis des Wanderns umgibt, nichts gemeinsam, im Gegenteil: bis weit in das 19. Jahrhundert hinein fehlte dem "Unterwegs-sein" jeder Hauch von Romantik. Viele Berufsgruppen waren aus ökonomischem Zwang auf ständige Fußmärsche von Ort zu Ort angewiesen.
Tagelöhner und Kleinhändler, Spielleute und fahrende Künstler mußten sich Kundschaft oder Arbeitgeber erwandern. Gerade die Handwerksburschen waren keineswegs aus Spaß an der Freude auf der Walz, wie manches romantische Volkslied glauben machen will. Sie folgten einfach den zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert geltenden Zunftregeln, die eine mehrjährige Lehrzeit außerhalb des Heimatbezirkes vorschrieben. Ihnen ging es nicht um das Unterwegssein, sondern um das Ankommen. An einem Ort, der Arbeit und Einkommen sicherte. ..."
http://www.christiane-krautscheid.de/christiane-krautscheid-der-wanderer-motivgeschichte.html
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