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Bruttoinlandsprodukt in Deutschland schrumpft stärker

Laut einer Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts (Destatis) ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal 2021 stärker gefallen als erwartet. Das BIP je Erwerbstätigen (Produktivität) ging demnach um 1,8 Prozent statt der zuvor prognostizierten 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, also Oktober bis Dezember 2020, zurück. Der Hauptgrund dafür ist der zweite Lockdown, der die Konjunktur stark getroffen hat.

Besonders Geschäfts- und Restaurantschließungen haben zu einem stark unterdurchschnittlichen privaten Konsum geführt, der die heimische Wirtschaft normalerweise stützt. Insgesamt ist der private Konsum gegenüber dem Vorquartal um 5,4 Prozent gesunken. Einige Branchen konnten aber auch von den Einschränkungen des Lockdowns profitieren, allen voran der E-Commerce, der laut einer Publikation des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (Bevh) aufgrund von Corona-Effekten seine Umsätze im Vergleich zum ersten Quartal 2020 um 28 Prozent steigern konnte. Auch das Onlineportal sparheld.de gab bekannt, dass viele Partner, darunter unter anderem OBI, während der Covid-19-Pandemie online deutlich höhere Umsätze erzielen konnten.

Alter Mehrwertsteuersatz dämpft die Konjunktur

Ein weiterer Faktor, der den privaten Konsum im ersten Quartal 2021 drückt, ist die Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Viele Verbraucher haben hochpreisige Anschaffungen aufgrund des ermäßigten Steuersatzes in das zweite Halbjahr 2020 vorgezogen und dadurch in diesem Zeitraum die Wirtschaft gestützt. Nun fehlt diese Kaufkraft im ersten Quartal des laufenden Jahres.

Unternehmen reduzieren Investitionen

Auch auf Unternehmensseite hat der Lockdown und die wirtschaftlich unklare Situation, starke Auswirkungen. Investitionen in Geräte, Maschinen und Fahrzeuge im Inland sind leicht gesunken (-0,2 %). Profitieren können deutsche Unternehmen hingegen von der starken Nachfrage aus dem Ausland. Insgesamt stieg im ersten Quartal 2021 der Import von Waren und Dienstleistungen (3,8 %) aber stärker als der Expert (1,8).

Als Reaktion auf die schwache Konjunktur verspricht Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die bisherigen staatlichen Corona weiter zu verlängern. „Ich sage Ihnen zu: Wir werden das so lange fortführen, wie es eine nennenswerte Zahl von Unternehmen gibt, die unter den Spätfolgen von Corona nach wie vor leiden“, sagt Altmaier gegenüber der Bild-Zeitung. Konkrete Informationen zur Dauer der Verlängerung und der Höhe der Überbrückungshilfen hat die Bundesregierung bisher nicht veröffentlicht.

Geschäftsklima in Deutschland verbessert sich

Trotz des deutlichen Rückgangs des Bruttoinlandsprodukts hat sich der Ifo-Geschäftsklimaindex positiv entwickelt. Er konnte von 96,6 Punkten im April 2021 auf 99,2 Punkte im Mai 2021 ansteigen. Dies ist laut dem Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut der höchste Wert seit Mai 2019. „Die deutsche Wirtschaft nimmt Fahrt auf“, kommentiert Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Die befragten Manager beurteilen beide Teilindikatoren, nämlich die aktuelle Lage und die Geschäftsaussichten für die kommenden sechs Monate, somit positiver als während des ersten Lockdowns. Auch weitere Experten wie Andreas Scheuerle von der Dekabank beurteilen die Situation optimistisch. „Die Infektionszahlen sinken deutlich, und die Weltwirtschaft floriert, aus diesen Zutaten ist das Feuerwerk der Geschäftserwartungen gemacht. Die Dienstleister einschließlich des Handels setzen auf bessere Geschäfte in Deutschland, die Industrie auf starke Exporte, die im zweiten Halbjahr nicht mehr so stark durch Lieferengpässe beeinträchtigt werden“, erklärt der Ökonom.

Eurozone mit besserem Ergebnis

 Im Vergleich zur gesamten Eurozone, deren Produktivität im Mittel um 0,6 Prozent gesunken ist, hat sich die Wirtschaft in Deutschland im ersten Quartal 2021 schwächer entwickelt. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank ist sich trotzdem sicher, dass „die neuerlichen wirtschaftlichen Rückschläge im ersten Quartal vorerst die letzten gewesen sein werden.“ „Die stark fallenden Inzidenzwerte und die voranschreitende Immunisierung breiter Bevölkerungsgruppen werden Lockerungen möglich machen. Es zeichnet sich ein entspannter Sommer ab, der die Ladenkassen in den deutschen Innenstädten klingeln lassen wird“, erklärt Gitzel.

Auch die Bundesbank beurteilt die Situation ähnlich. Die Aussicht auf deutliche Lockerungen der Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie könnte der Wirtschaft im Sommer einen deutlichen Aufschwung bescheren. In ihrem aktuellen Monatsbericht geht die Bundesbank davon aus, dass bereits im Herbst das Vorkrisenniveau überschritten wird. Eine Prognose der Bundesregierung rechnet dagegen erst damit, dass das Vorkrisenniveau im kommenden Jahr erreicht wird.