Kleine und mittelgroße Unternehmen in Polen und Deutschland
Kleine und mittelgroße Unternehmen in Polen und Deutschland

Kleine und mittelgroße Unternehmen in Polen und Deutschland

Finanzierung, Internationalisierung, Strukturwandel

Buch, Deutsch, Danzig University Press

Autor: Prof. Dr. Hans H. Bass

Herausgeber / Co-Autor: Eugeniusz Gostomski

Erscheinungsdatum: 2007


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Danzig University Press

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INHALTSVERZEICHNIS, ZUSAMMENFASSUNG, AUTORENVERZEICHNIS


Inhaltsverzeichnis

Danuta Marciniak-Neider / Elmar Schreiber
Universität Danzig – Hochschule Bremen: Drei Jahrzehnte deutsch-polnische Zusammenarbeit             1

Hans H. Bass / Eugeniusz Gostomski
KMU in Polen und in Deutschland: Probleme und Perspektiven           7

 
I Rahmenbedingungen

Hans H. Bass
KMU in Deutschland: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft       25

Bohdan Jeliński
KMU in Polen: Systemtransformation und Exportentwicklung 41

Leszek Reszka
Die Bedeutung der Kleinunternehmen für Polens Volkswirtschaft         55

 
II Finanzierung

Eugeniusz Gostomski
KMU-Finanzierung in Polen     63

Jens Hermsdorf
Finanzstrukturmanagement im deutschen Mittelstand:
Neue Rahmenbedingungen und neue Produkte             75

Tomasz Motowidlak
Innovative Finanzierung polnischer Unternehmen durch Immobilienleasing        89

Iwona Sobol
Factoring-Dienstleistungen in Deutschland und in Polen            103

Wojciech Gostomski
Öffentliche Bürgschaftsleistungen für KMU in Deutschland und Polen 115

Joanna Bednarz
Serviceangebote deutscher und österreichischer Banken für polnische KMU   125

Christoph Siebert / Christian Hinck
Innovative Finanzierungsinstrumente für den deutschen Mittelstand
bei der Realisierung von Direktinvestitionen im Ausland            133

 
III Internationalisierung

Gerhard M. Feldmeier
Die Internationalisierung deutscher KMU –
Stiefkind im Schatten Multinationaler Konzerne            145

Roland Abel
Internationale Kooperationen – (k)eine Chance für deutsche
Klein- und Kleinstunternehmen?           159

Aleksander Moroz
Internationalisierung als Entwicklungsstrategie eines polnischen KMU: Fallstudie          175

Ralph-Elmar Lungwitz
Probleme und Perspektiven von deutsch-polnischen KMU-Kooperationen     185

Agnieszka Stanowska-Hirsch
Die Bedeutung der KMU für die Struktur des polnischen Exportes in
die Russische Föderation         199

Rafał Śliwiński
Die Bedeutung der Lisabon-Strategie der EU für die KMU-Internationalisierung         205

Radosław Koszewski
Erfolgsbedingungen für KMU-Exportgemeinschaften in Polen 213

 
IV Strukturwandel

Robert Ernst-Siebert
Innovation und Beschäftigung in deutschen KMU         229

Adam Gorzelańczyk
Innovation als Entwicklungsstrategie eines polnischen KMU: Fallstudie            247

Hagen Krämer
KMU im Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft           253


 
ZUSAMMENFASSUNG

 

KMU in Polen und Deutschland:
Probleme und Perspektiven

von Hans H. Bass, Hochschule Bremen und Eugeniusz Gostomski, Universität Gdańsk

 Als „klein und mittelgroß“ gelten nach der jüngsten EU-Definition Unternehmen, die weniger als 50 Beschäftigte haben und einen Umsatz oder eine Bilanzsumme von weniger als 10 Mio. € pro Jahr erzielen. Kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) spielen – bei allen sonstigen Unterschieden zwischen den beiden Volkswirtschaften – sowohl in Polen als auch in Deutschland eine bedeutende Rolle für Wachstum, Beschäftigung, Außenhandel und Innovation. Zugleich gibt es in beiden Ländern betriebsgrößen­spezifische Probleme.

In der nachstehenden Tabelle 1 sind einige Kennziffern des KMU-Sektor in Deutschland und in Polen gegenübergestellt: Neben vielen Gemeinsamkeiten sind auch große Unterschiede erkennbar. Hervorzuheben sind die höhere Bedeutung der KMU für die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung in Deutschland, die höhere Gründungs­dynamik in Polen sowie die vergleichsweise niedrige Eigenkapitalquote deutscher KMU und die größere Beteiligung von KMU am Export in Polen.

In den weiteren Beiträgen des hier vorgelegten Bandes werden vier, für die Zukunft der kleinen und mittleren Unternehmen besonders wichtige Themen detailliert diskutiert: die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die Finanzierung, die Internationalisierung und die Bedeutung des gesamtwirtschaftlichen Strukturwandels.

 Tab. 1: Kleine und mittelgroße Unternehmen in Deutschland und Polen, 2003-05

 
Wirtschaftssystemische und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen

 Der erste Teil der Beiträge beschäftigt sich mit dem Kontext, in dem die KMU in den beiden Ländern agieren. Hans H. Bass zeigt in seinem Beitrag über die Wirtschaftspolitik für den KMU-Sektor in Deutschland, dass diese Unternehmensgrößenklasse bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts von den meisten Ökonomen und Wirtschaftspolitikern als Hindernis der weiteren Entwicklung angesehen wurde. Erst die ordo-liberale Schule, die die deutsche „Soziale Marktwirtschaft“ begründete, habe die inhärenten Stärken der KMU erkannt und den Beitrag gesehen, den KMU zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme leisten konnten. Damit hätten sie die Grundlage für eine schwach invasive, funktionale betriebsgrößenspezifische Industriepolitik gelegt. Gegenwärtig könnten KMU allerdings ihre Potentiale bei der Beschäftigungsschaffung, dem sektoralen Strukturwandel und der Generierung von Innovationen und einer weiteren Integration in die Weltwirtschaft nicht voll aktualisieren. Dies liege weniger an den internen Schwächen als an der ungünstigen gesamtwirtschaftlichen Situation sowie an einer unausgewogenen Wirtschaftspolitik. Entscheidend für eine auch zukünftig tragende Rolle von KMU in der deutschen Volkswirtschaft sei jedoch die Bereitschaft der Unternehmen zu Innovationen.

Für die polnische Volkswirtschaft zeigt Bohdan Jeliński, dass die Bedeutung der KMU eng mit der Systemtransformation verbunden ist. Bereits als Vorbote dieses Prozesses waren in den 1980er Jahren mit ausländischem Kapital arbeitende Kleinunternehmen entstanden und konnten im Außenhandel agieren. In den ersten Jahren der Systemtransformation hatten Unternehmen dieser Betriebsgrößenklasse dadurch eine gewisse Sonderstellung in der polnischen Wirtschaft: größere Flexibilität, höherer Privatisierungsstand, engerer Kontakt zur Weltwirtschaft. In der weiteren Entwicklung der polnischen Wirtschaft – die nach den Herausforderungen der Systemtransformation vor allem die Aufgaben der Internationalisierung, der EU-Mitgliedschaft und schließlich der Globalisierung zu meistern hatte – seien jedoch die spezifischen Charakteristika der KMU zunehmend verblasst und die Tätigkeitsstandards der KMU seien allmählich zu Standards der gesamten Volkswirtschaft geworden. So würden sich die KMU derzeit eher negativ von der übrigen Unternehmenslandschaft in Polen abheben: durch besonders negativ wirkende bürokratische Einflussnahme, besonders schweren Zugang zu externem Kapital und eine besonders geringe Tiefe der Internationalisierung.

Leszek Reszka betont in seinem Beitrag, dass die Zusammenfassung der kleinen und mittelgroßen Unternehmen zu einem „KMU-Sektor“ viele Spezifika der Kleinunternehmen nicht hinreichend trennscharf zeige und konzentriert sich in seiner Analyse ausschließlich auf die Unternehmen, die weniger als 50 Beschäftigte haben. Diese Unternehmensgrößenklasse sei besonders für die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung wichtig. Während die Zahl der Arbeitsplätze im Privatsektor seit 1998 sinke, und in den Großunternehmen 1996-2002 etwa 1 Mio. Arbeitsplätze verloren gegangen seien, hätten die Kleinunternehmen die Zahl der Arbeitsplätze annähernd stabil halten und damit ihren Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung von 44 % auf 50 % steigern können. Reszka unterstreicht auch die Bedeutung der Kleinunternehmen im Außenhandel Polens. Allerdings hätten die Kleinunternehmen als Gruppe einen erheblichen Importüberschuss. Ein Negativsaldo im Außenhandel sei zwar kennzeichnend für alle Unternehmensgrößenklassen in Polen, jedoch insgesamt mit abnehmender Tendenz. Daran hätten die Kleinunternehmen jedoch kaum Anteil, für sie als Unternehmensgrößenklasse sei der Import anhaltend rentabler als der Export, und ihre Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten sei noch nicht hinreichend groß.

Die im zweiten Teil des Bandes zusammengefassten Aufsätze beschäftigen sich auf diesem Hintergrund speziell mit den Problemen der Finanzierung von kleinen und mittelgroßen Unternehmen in beiden Ländern.

 
Finanzierung von KMU

Eugeniusz Gostomski zeigt in seinem einleitenden Beitrag zum Thema KMU-Finanzierung eine Reihe von Barrieren in der Geschäftstätigkeit polnischer KMU auf. An erster Stelle sei dies der Mangel an Eigenkapital und in dessen Konsequenz eine geringe Kreditwürdigkeit, insbesondere bei Unternehmensneugründungen. Weitere Ursachen einer Unterkapitalisierung der polnischen KMU lägen in den für diese Unternehmen meist zu komplizierten Verfahren bei Kreditanträgen und in der Abneigung der Banken, sich mit kleinen Kreditbeträgen zu beschäftigen. Auch der Zugang zu anderen externen Finanzierungsquellen sei beschränkt: Leasing, Factoring, Venture Capital und Darlehen aus gemeinnützigen Fonds seien alle noch quantitativ unbedeutend – obwohl, wie die folgenden Beiträge von Sobol, Motowidlak und W. Gostomski zeigen, es sich hier um sehr dynamisch wachsende Finanzdienstleistungsmärkte handelt. In der Konsequenz erreichen polnische Kleinunternehmen eine durchschnittliche Eigenkapitalquote von 40 %, mittelgroße Unternehmen sogar von über 50 %. Allerdings verschiebt sich das Gewicht der beiden wichtigsten Finanzierungsformen im Laufe der Geschäftstätigkeit: während Neugründungen vornehmlich auf Eigentümerersparnissen basieren, nehme bei späteren Investitionsvorhaben der Anteil des Eigenkapitals allmählich ab und der Anteil der Bankkredite steige an. Etwa die Hälfte aller Investitionen werde jedoch von den KMU nach wie vor aus Eigenmitteln realisiert. Auf der anderen Seite bestehe aber gerade bei KMU ein erhöhter externer Finanzierungsbedarf, da sie in überdurchschnittlicher Höhe den eigenen Kunden Kontokorrentkredite gewähren müssten. Durch die Kapitalknappheit werde die Erreichung der finanziellen Ziele des Unternehmens häufig gefährdet: Dies gelte sogar für die Sicherung der Liquidität – der Grundvoraussetzung für eine kontinuierliche Geschäftstätigkeit.

In seinem Beitrag zur Situation in Deutschland zeigt Jens Hermsdorf, dass – anders als in Polen – die Eigenkapitalquote in den deutschen KMU Ende der 1990er Jahre extrem niedrig gewesen sei (1999: 3 % der Bilanzsumme). Auch der derzeitige Wert von etwa 10 % der Bilanzsumme sei im internationalen Vergleich (USA, UK, Kontinentaleuropa) immer noch extrem niedrig. Zudem gelte in Deutschland: Je kleiner ein Unternehmen, desto niedriger ist die Eigenkapitalquote. Ursache dafür könnte der eingeschränkte Zugang zu organisierten Kapitalmärkten sein, was eine Finanzierung vor allem über klassische Bankdarlehen nach sich ziehe, sowie die bislang vergleichsweise günstige Finanzierung über die jeweiligen „Hausbanken“. Spiegelbildlich zur Eigenkapitalfinanzierung sei in Deutschland daher die zweite Säule der Unternehmensfinanzierung: die Bankverbindlichkeiten. Diese seien zwischen 1999 und heute deutlich gesunken und lägen derzeit im Durchschnitt bei 37 % der Bilanzsumme. Ihre Bedeutung für die Finanzierung der KMU sei jedoch ebenfalls größenabhängig: Je kleiner das Unternehmen, desto größer die Rolle der Banken. Unternehmen mit einem Umsatzvolumen bis zu 250 T€ würden sich zu mehr als der Hälfte durch Banken finanzieren. Größenunabhängig sei jedoch etwa die Hälfte der Bilanzsumme weder durch Eigenmittel noch durch Bankverbindlichkeiten finanziert. Neben den üblichen Finanzierungen über Lieferantenkredite und Rückstellungen gebe es hier einen breiten Raum für neue Finanzierungsmöglichkeiten, darunter – an der Schnittstelle zwischen Eigenkapital und Fremdkapital im konventionellen Sinne – die Mezzanine-Finanzierung. Hermsdorf zeigt die verschiedenen Varianten dieser Finanzierungsform auf und belegt, dass die Nachfrage nach derartigen neuen Finanzierungsinstrumenten bei den deutschen KMU zunimmt, zumal sich das deutsche Finanzsystem gegenwärtig von einem bankbasierten System zu einem marktbasierten System wandele.

Tomasz Motowidlak beschäftigt sich in seinem Beitrag mit einer Finanzierungsinnovation auf dem polnischen Finanzmarkt – dem Leasing. Der Autor stellt zwei Wachstumssegmente auf diesem Markt gegenüber: Das für den Leasinggeber risikoarme Leasing von Pkw an Privatkunden und das risikoreiche Leasing von Maschinen und Anlagen und insbesondere Immobilien. Gegenwärtig betrage der Anteil der geleasten Immobilien am polnischen Leasingmarkt über 15 %, der Gesamtwert der Immobilien-Leasinggeschäfte habe sich innerhalb von zwei Jahren (2003-05) vervierfacht. Eine besondere Rolle beim Immobilienleasing spiele das Nießbrauchrecht, das bereits zum Gegenstand von eigenen Leasingverträgen geworden sei – eine Finanzierungsform, die auch für KMU in Polen zunehmend an Bedeutung gewinnen könne.

Eine ebenfalls sehr komplexe Finanzierungsform behandelt Iwona Sobol – das Factoring. In Deutschland sei der Factoring-Markt gut entwickelt, in Polen hingegen sei das Factoring eine relativ neue Dienstleistung. Das größte Problem bei der Anwendung des Factorings sei immer noch ein unzureichendes Verständnis für dieses Instrument seitens der Geschäftspartner. Firmen, die auf Factoring-Dienstleistungen zurückgreifen, würden sich darüber beklagen, dass ihre Kunden diese Finanzierungsform nicht verstünden und in der Aufnahme einer Zusammenarbeit mit dem Factor ein Anzeichen von Problemen im Unternehmen sähen. Viele Firmen seien daher nicht damit einverstanden ist, dass ihre Lieferanten das Factoring in Anspruch nehmen. Sobol prognostiziert aber, dass sich dies ändern werde. Der Grund liege in den neuen Anforderungen an die Banken. Infolge des Basel-II-Abkommens müssten nämlich Banken, die in ihrem Portfolio einen großen Anteil von Krediten für kleine und mittelgroße Unternehmen haben, über ein höheres Kapital als derzeit verfügen, was die vorhandenen Beschränkungen bei der Kreditierung solcher Unternehmen noch weiter verschärfen könne. Iwona Sobol erwartet, dass die Probleme mit einer Finanzierung seitens der Banken dazu beitragen werden, dass sich Unternehmen anderen Finanzierungsquellen zuwenden werden. Dies sei daher eine Chance für die Factoring-Institutionen, deren Zielkunden kleine und mittelgroße Firmen sind.

Wojciech Gostomski diskutiert im anschließenden Beitrag die Finanzierung von KMU unter wirtschaftspolitischen Aspekten. Eine besondere Chance für KMU, Fremdkapital zu mobilisieren, bestehe in der Inanspruchnahme von staatlich gestützten Bürgschaften. Die Geschäftsbanken akzeptieren Bürgschaften als eine zuverlässige Absicherung von gewährten Krediten, wodurch die sonst auf dem Kreditmarkt benachteiligten KMU eine größere Chance auf einen kommerziellen Kredit erhielten.

In Polen wie in Deutschland sind halbstaatliche Organisationen tätig, die aus wirtschaftspolitischen Erwägungen Bürgschaften für KMU übernehmen. Während die deutschen Institutionen, die Bürgschaftsbanken, auf eine 50-jährige Geschichte zurückblicken und ausgereifte Verfahren nutzen könnten, seien die Bürgschaftsinstitutionen, die in Polen tätig sind, erst im Zuge der Systemtransformation entstanden und verfügten auch nur über wesentlich kleinere Fonds (etwa ein Sechstel der in Deutschland für diesen Zweck verfügbaren Mittel). Allerdings sei die Dynamik der Fondsakkumulation in Polen sehr hoch – die derzeitige Wachstumsrate betrage 30 %! Bürgschaftsfonds in Polen bestünden auf kommunaler und regionaler Ebene; die polnische Regierung plane eine substanzielle Ausdehnung des institutionellen Netzes. Daneben habe die halbstaatliche Bank Gospodarstwa Krajowego die Aufgabe, neben eigenen klassischen Bürgschaftsleistungen andere Bürgschaftsfonds organisatorisch und durch Rückbürgschaften zu unterstützen – ganz analog zum System der deutschen Bürgschaftsbanken. Unterschiede bestünden in der Ausgestaltung der Bürgschaften. Die geringere Kapitalausstattung der polnischen Bürgschaftsfonds resultiere in einer kleineren Zahl und einem niedrigeren Wert der gewährten Bürgschaften. Vergleiche man jedoch mit der Gesamtzahl der Unternehmen bzw. der Bevölkerungszahl, so sei der Umfang der Bürgschaften in Polen im Vergleich zu Deutschland keineswegs gering zu schätzen.

Die beiden abschließenden Beiträge dieser Sektion befassen sich mit Fragen der Finanzierung und dem Finanzmanagement im Außenwirtschaftsverkehr. Joanna Bednarz argumentiert, dass KMU trotz ihrer verhältnismäßig schwachen Position auf dem Markt für Finanzdienstleistungen verschiedene Optionen bei der Wahl des Finanzierungspartners hätten. Gerade auch den in Polen operierenden ausländischen Banken komme dabei eine gewisse Bedeutung zu. Die Autorin zeigt detailliert, welche betriebsgrößenspezifischen und branchenspezifischen Angebote die vier deutschen und österreichischen Geschäftbanken machen, die auf dem polnischen Markt tätig sind.

Auch Christoph Siebert und Christian Hinck beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit grenzüberschreitender Geschäftstätigkeit – aus deutscher Sicht analysieren sie innovative Finanzierungsinstrumente für KMU bei der Realisierung von Direkt­investitionen im Ausland. Die Autoren argumentieren, dass Direktinvestitionen im Ausland vielen KMU zu einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit verhelfen würden, denn so böten sich Gelegenheiten, neue Absatz- oder Beschaffungsmärkte zu er­schließen oder Kostenvorteile durch Produktionsverlagerungen zu realisieren. Mittler­weile hätten neben Großunternehmen auch zahlreiche KMU diese Chancen erkannt und würden im Zuge der fortschreitenden europäischen Integration bevorzugt in den mittel- und ost­europäischen Ländern investieren. Für Mittelständler bestehe aber das Problem, die erforderlichen Investitionen zu finanzieren. Eine Möglichkeit zur Erhöhung des investiven Eigenkapitalvolumens sei die Beteiligungsfinanzierung. Traditionell würden hierbei neue Gesellschafter in den Gesellschafterkreis aufgenommen, die dem Unternehmen Eigenkapital in der benötigten Höhe direkt zur Verfügung stellten. Gegen diese Finanzierungsform spreche, dass das mittelständische Unternehmen langfristig Mitsprache- und Kontrollrechte an den neuen Gesellschafter abgeben müsse, was eine kostspielige Alternative sei, wenn die Gesamtkapitalrentabilität höher sei als der Fremdkapitalzins. Viele KMU seien nicht gewillt, eine Beteiligungsfinanzierung einzugehen und suchten daher nach innovativen Finanzierungsformen, die es ihnen ermöglichen würden, die für einen Bankkredit erforderliche Bonität aufzuweisen ohne zwingend Geschäftanteile abgeben zu müssen. Hier spiele insbesondere das „Mezzanine“-Kapital eine Rolle, eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital.

Die beiden zuletzt referierten Beiträge der Sektion „Finanzierung“ leiten bereits über zu dem dritten Thema des vorliegenden Bandes, der Internationalisierung von KMU in Deutschland und Polen.

 
Internationalisierung von KMU

In dem ersten Beitrag dieses Kapitels argumentiert Gerhard M. Feldmeier, dass die amtlichen Daten über die Internationalisierung von KMU das tatsächliche Geschehen nur  unzureichend abbilden würden. Dadurch werde die Internationalisierung von KMU nicht nur unterschätzt, sondern auch unvollständig oder gar falsch verstanden. Tatsächlich hätten sich nämlich viele kleine und mittelgroße deutsche Unternehmen – vor allem durch technologische Leistungen – Spitzenstellungen auf dem Weltmarkt gesichert. Zahlreiche Fallstudien würden darüber hinaus belegen, dass sich KMU bei ihrer Internationalisierung nicht nur wesentlich von Großunternehmen unterscheiden, sondern bewusst alternative Wege bei der Erschließung und Bearbeitung von Auslandsmärkten gingen. Hierzu gehöre auch die Fokussierung auf weniger erschlossene Entwicklungs- und Schwellenländer. Die aus dem strategischen Verhalten von Großunternehmen abgeleitete Einteilung der Internationalisierung auch von KMU in verschiedene Prozessphasen widerspreche den Fakten. Vielmehr hätten KMU aufgrund der größeren Wahlfreiheit zwischen einzelnen Internationalisierungsformen im Zuge der weltweiten Liberalisierung von Volkswirtschaften und Märkten verstärkt einzelne Entwicklungsstufen übersprungen („leapfrogging“) bzw. unmittelbar ressourcenintensivere Internationalisierungsformen, wie Joint Ventures oder die Gründung von Tochterunternehmen, gewählt. Die KMU-Internationalisierung verlaufe häufig flexibel und imitativ, also nicht notwendigerweise geplant und hochstrukturiert.

Roland Abel konzentriert sich in seinem Beitrag zur Unternehmensinternationalisierung auf die Klein- und Kleinstunternehmen (KKU). Diese unterscheiden sich unter anderem in dem Ausmaß ihrer Internationalisierung von den mittelgroßen Unternehmen. Im europäischen Durchschnitt würden zwar 51 % der mittelgroßen Unternehmen exportieren, aber nur 38 % der Kleinunternehmen und nur 17 % der Kleinstunternehmen. Der Radius der Geschäftstätigkeit steige mit zunehmender Betriebsgröße. In der Diktion der von Thünen inspirierten Raumwirtschaftslehre heißt das, dass den betriebsgrößenspezifischen „sozialen“ Wettbewerbsvorteilen der KKU (beispielsweise durch ein genaues Verständnis der Kunden) in dem ersten Ring um ihren Standort betriebsgrößenspezifische Nachteile in den weiter entfernten Ringen gegenüberstehen (beispielsweise hohe Internationalisierungskosten relativ zu den vorhandenen Ressourcen).

Der Beitrag von Abel geht dann der Frage nach, ob Kooperationen – von KKU untereinander, in Kombination mit Großunternehmen oder mit institutionellen Partnern – die Internationalisierung von Unternehmen dieser Größenklasse befördern könnten. Wichtigste Barriere für grenzüberschreitende Kleinunternehmenskooperation ist nach Abel die geringe Ausprägung strategischen Handelns und die ständige Kompensation der unvorhergesehenen Veränderungen durch flexibles und improvisiertes Handeln. Da der Aufbau von internationalen Kooperationen jedoch ein gewisses strategisches Potenzial, die Bereitschaft zur Strategieentwicklung voraussetze, könnten viele KKU nicht erfolgreich an Kooperationen partizipieren. Auch der relative Aufwand für die erforderliche Risikoabschätzung und Risikominimierung in KKU gegenüber mittelgroßen und großen Unternehmen falle deutlich höher aus. Der Autor plädiert daher für zusätzliche externe Impulse zur Kooperationsinitiierung seitens verbandlicher und politischer Akteure. Insgesamt ist Abel allerdings eher skeptisch hinsichtlich der Relevanz der grenzüberschreitenden Kooperationen von KKU in der betrieblichen Praxis.

Es ist interessant festzustellen, dass Abel und Feldmeier die immer wieder als Charakteristikum von KMU angeführte Flexibilität hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Internationalisierung ganz unterschiedlich beurteilen. Es bedarf wohl weiterer Forschung um herauszufinden, ob dieser Widerspruch auflösbar ist – etwa dadurch, dass die primäre Wirkung der Flexibilität innerhalb der KMU-Gruppe wiederum betriebsgrößenspezifisch zu sehen ist: vorteilhaft bei mittelgroßen Unternehmen, eher nachteilig bei kleinen Unternehmen und Mikrounternehmen.

Aleksander Moroz jedenfalls zeigt an einer Fallstudie aus Polen, wie ein Start-up-Unternehmen im Bekleidungshandel, das Unternehmen LPP, gerade durch eine strategische Internationalisierung seinen Wachstumskurs noch weiter dynamisieren konnte. Moroz unterscheidet in der Entwicklung des 1995 gegründeten Unternehmens drei Phasen: In der ersten Phase habe der Großhandel mit preisgünstigen asiatischen Textilien auf dem aufnahmebereiten polnischen Markt ein hohes Umsatz- und Gewinnwachstum ermöglicht. Das Unternehmen habe allerdings bereits in dieser Phase eine Vertretung in China gehabt, wodurch die schnelle Reaktion auf Trends gewährleistet gewesen sei. Einer zweiten Phase, gekennzeichnet durch extensive Expansion insbesondere durch die Belieferung von polnischen Hypermärkten, sei dann eine dritte Phase gefolgt – die intensive Expansion durch den Übergang zum Einzelhandel mit eigenen Markenartikeln und einer Fokussierung des Exportes. Die Geschäftsleitung habe nämlich erkannt, dass im Binnenmarkt nur begrenzte Expansionsmöglichkeiten gelegen hätten. LPP habe erfolgreich existierende Handelsmarken und Bekleidungsverkaufskonzepte auf die internationalen Märkte übertragen und das Markenimage in mehreren Ländern synergetisch ausgebaut. Dabei sei dem Unternehmen der Entwicklungsrückstand der osteuropäischen Länder gegenüber Polen zu Gute gekommen, so dass die Erfahrungen auf dem polnischen Bekleidungsmarkt für den sich neu formierenden Bekleidungshandelssektor in Osteuropa hätten nutzbar gemacht werden können. Die starke Position des Unternehmens im Inland habe seine Verhandlungsposition im Ausland verbessert und das Engagement im Ausland wiederum habe positive Rückwirkungen auf das Inlandsgeschäft gehabt. Im Unterschied zu anderen Beiträgen in diesem Buch, die mehr Erfolg von Kooperationen erwarten, hebt Moroz die besonderen Vorteile der eigenständigen Tätigkeit von LPP auf den Auslandsmärkten hervor.

Ebenfalls mit der Textil- und Bekleidungsindustrie (sowie mit der Möbelindustrie) befasst sich Ralph-Elmar Lungwitz in seinem Beitrag über Kooperationen deutscher und polnischer KMU. Kooperationsbeziehungen würden eine vergleichsweise risikoreiche Form wirtschaftlichen Austausches darstellen – gerade für Kleinunternehmen. Daher komme dem wechselseitigen Vertrauen in die Person des Partnerunternehmers eine Schlüsselrolle bei der Herstellung von Handlungssicherheit zu. Dieses Vertrauen zu objektivieren werde durch häufige persönliche Kontakte, Betriebsbesuche usw. versucht. Eine Kooperation zwischen polnischen und deutschen KMU ermögliche wegen der geographischen Nähe daher nicht nur den schnellen und kostengünstigen Transport von Waren, sondern komme auch der spezifischen Mentalität von Unternehmern entgegen, indem sie die Möglichkeit einer schnellen persönlichen Kommunikation zwischen den Unternehmern sowie dem mit der praktischen Durchführung der Kooperationsbeziehung befassten Personal ermögliche.

Bei den deutschen KMU, die mit polnischen Unternehmen kooperieren, dominiere die Nutzung billiger Arbeitskraft als Kooperationsmotiv. Polnische KMU ihrerseits können dadurch indirekt an Märkten partizipieren, zu deren Erschließung sie aus eigener Kraft nicht in der Lage wären. Während in der Bekleidungsindustrie polnische Unternehmen vorwiegend passive Lohnveredelung erstellten („verlängerte Werkbänke“), sei in der Möbelindustrie für die deutschen Unternehmen auch die Kompetenzergänzung durch polnische Unternehmen relevant. Beide Kooperationsmuster könnten durch derzeit steigende Lohnstückkosten in Polen erodieren. Allerdings trügen zwei Faktoren zu einer Stabilisierung in den Kooperationsbeziehungen zwischen deutschen und polnischen KMU bei: Wegen der hohen Bedeutung persönlicher Kenntnis würden KMU nicht leichtfertig auf eine gut funktionierende Kooperationsbeziehung verzichten und die geographische Nähe bilde ein wesentliches Sicherheitsnetz für ein KMU-Engagement und werde daher trotz gegenläufiger Entwicklungen die polnisch-deutschen KMU-Kooperationen stabilisieren.

In einem weiteren Beitrag zu dieser Sektion zeigt Agnieszka Stanowska-Hirsch, dass polnische KMU im europäischen Vergleich überdurchschnittlich engagiert sind bei der Suche nach Absatzmärkten außerhalb des eigenen Landes. Insbesondere der polnische Export nach Russland sei in hohem Maße durch KMU erfolgt. Dabei habe sich nach 2000 der Anteil der Mikro- und Kleinunternehmen verringert, der Anteil der mittelgroßen Unternehmen habe sich erhöht. Stanowska-Hirsch analysiert die Hintergründe dafür. Die russische Industrie sei bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Jahre 1998 außerstande gewesen, die einheimische Nachfrage – insbesondere nach preisgünstigen verarbeiteten Nahrungsmitteln – zu befriedigen. Dies hätten kleine Unternehmen aus Polen genutzt. Der Ausbruch der Finanzkrise in Russland habe jedoch dazu geführt, dass die polnischen Mikro- und Kleinunternehmen (KKU) an Konkurrenzfähigkeit gegenüber den einheimischen russischen Unternehmen verloren hätten. Die polnischen KKU seien nicht in der Lage gewesen, ihr Angebot den veränderten Marktbedingungen anzupassen und hätten sich stattdessen vom russischen Markt zurückgezogen. Seither steige die Bedeutung der mittelgroßen Unternehmen im polnischen Export nach Russland. Damit einher gehe eine Veränderung der Warenstruktur: die Bedeutung der Lebensmittel für den Export nehme ab, die Bedeutung der Elektromaschinen-, Chemie- und Papierindustrie nehme zu.

Eine mögliche Schlussfolgerung aus dem Beitrag von Stanowska-Hirsch ist, dass wohl der Unternehmergeist bei den polnischen KKU hoch ausgeprägt ist – nicht aber die sachlichen Voraussetzungen gegeben sind, um auf Auslandsmärkten dauerhaft zu bestehen: nicht auf den für polnische Mikro- und Kleinunternehmen sehr schwierigen westeuropäischen Märkten, aber auch nicht auf den anscheinend leichteren osteuropäischen Märkten. Hier setzt die Darstellung von Rafał Śliwiński an. Der Autor beschäftigt sich der Internationalisierung von KMU im Kontext der Lisabon-Strategie der Europäischen Union. Das Lisabon-Ziel, Europa zur wettbewerbsfähigsten Region der Welt zu machen, impliziere nach Ansicht des Europäischen Rates eine Stärkung des unternehmerischen Denkens. Dazu gehöre auch eine größere Risikobereitschaft. Existierende KMU sollten daher verstärkt internationale Märkte nutzen. Allerdings seien KMU nur wenig internationalisiert und diese Internationalisierung sei zudem meist nur sehr „flach“. Śliwiński referiert Studien der EU, wonach sowohl interne als auch externe Hindernisse die Internationalisierung der europäischen KMU behindern würden und zitiert zustimmend die Pläne einer breit angelegten Internationalisierungsförderung der Europäischen Union. Dazu gehören direkte oder indirekte finanzielle Unterstützungen, etwa in Form der Exportkreditversicherungen, individuelle Beratung zur Exporttätigkeit und zur Errichtung von ausländischen Betriebsstätten oder die Förderung der Auslandsmessebeteiligung. Der Autor beklagt allerdings die unterschiedlich starke Förderintensität in den verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten. Besonders in den neuen EU-Mitgliedsstaaten, die über geringere Finanzierungsmöglichkeiten verfügen als die westlichen Länder der EU, seien die Förderungen vergleichsweise gering. Der Autor plädiert dafür, dass sich die intensive Außenwirtschaftsförderung für KMU auf alle europäischen Länder erstrecken müsse (auch auf die neuen osteuropäischen Mitgliedsländer, einschließlich Polens) – was jedoch eine Angleichung der Einkommensunterschiede innerhalb der EU voraussetze. Dies werde jedoch nach Meinung des Autors von den bisherigen Mitgliedsstaaten nicht hinreichend unterstützt. Fraglich ist allerdings, ob durch wirtschaftspolitische Förderung interne Internationalisierungshemmnisse, wie sie etwa Agnieszka Stanowska-Hirsch in ihrem Beitrag aufgezeigt hat, überwunden werden können.

Eine mögliche, auf Privatinitiative beruhende Alternative zur Überwindung von Internationalisierungsbarrieren für KMU stellt Radosław Koszewski in seinem Beitrag vor: die Bildung von Exportgemeinschaften. Dabei handelt es sich um eine Form der strategischen Allianz, also der partiellen Kooperation von potenziellen Konkurrenten. In verschiedenen europäischen Ländern, so in Spanien und Italien, hätten sich diese Zusammenschlüsse als sehr erfolgreich erwiesen. Die wichtigsten Vorteile, die sich aus der Teilnahme an einer Exportgemeinschaft ergäben, seien Kostenreduktion, Risikoreduktion, die Möglichkeit der Einstellung von speziell qualifiziertem Personal, die Diversifizierung des Angebotes und der Erwerb von Wissen und Erfahrung. Trotz dieser positiven Erfahrungen anderenorts seien in Polen bis heute nur wenige Exportgemeinschaften entstanden. Dies liege vor allem an den unzureichenden Voraussetzungen der Unternehmen selbst, sowie des Weiteren am Fehlen spezieller Dienstleistungen für Exportgemeinschaften durch Finanzinstitutionen sowie einer ungenügende Unterstützung aus öffentlichen Mitteln. Firmeninterne Voraussetzungen für eine erfolgreiche Beteiligung an einer Exportgemeinschaft seien unterscheidbar in sachliche (produktspezifische und betriebswirtschaftliche) und menschliche Faktoren (die Kenntnisse und Erfahrungen der Mitarbeiter und ihre Motivation).

Koszewski ist optimistisch hinsichtlich der Perspektiven von Exportgemeinschaften in Polen: Die Präsenz zahlreicher transnational tätiger ausländischer Firmen in Polen lasse erwarten, dass polnische Mitarbeiter die notwendigen Erfahrungen für diese Tätigkeit sammeln könnten. Ein Problem bleibe jedoch die „Qualität” der Motivationen der einzelnen Mitgliedsunternehmen. Neben den Willen, die eigenen Verkaufserlöse zu steigern und die eigenen Erfahrungen zu vertiefen (also neben die extrinsische und die intrinsische Motivation zur Teilnahme an einer Exportgemeinschaft), müsse die Bereitschaft treten, den anderen Teilnehmern unterstützend zur Seite zu stehen – auch in Situationen, von denen für den Akteur selbst keine messbaren Vorteile zu erwarten seien (transzendente Motivation).

 
Wirtschaftlicher Strukturwandel

Im vierten Kapitel dieses Bandes werden der wirtschaftliche Strukturwandel und seine Implikationen für die kleinen und mittelgroßen Unternehmen diskutiert. Im ersten Beitrag dieser Sektion analysiert Robert Ernst-Siebert die Auswirkungen von Innovationen in kleinen und mittelgroßen Unternehmen auf die Beschäftigungssituation in drei innovationsstarken deutschen Branchen: Logistikdienstleistungen, maritime Wirtschaft und Umwelttechnologie. Der Autor zeigt, dass Innovationen in Logistikunternehmen sehr viel häufiger direkt zu einer Veränderung der Beschäftigungssituation führen als in den beiden anderen Branchen. Ursache für diese höhere Reagibilität sei, dass die in der Logistikbranche häufiger auftretenden organisatorischen Innovationen und Verfahrensinnovationen unmittelbarer auf die Beschäftigungssituation wirken als dies Produktinnovationen täten. In dem von Ernst-Siebert analysierten Sample sei jedoch in allen Branchen und in allen Zeitperspektiven ein positiver Nettoeffekt der Innovationen auf die Beschäftigung erkennbar. Dies gelte auch für die Prozessinnovationen, die landläufig als beschäftigungsfeindlich bezeichnet würden. Der rein quantitative Beschäftigungszuwachs dürfe aber nicht über die qualitativen Verschiebungen hinwegtäuschen. Innovationen seien ein Katalysator des Strukturwandels (siehe dazu auch den Beitrag von Krämer). Da die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens nach Ansicht Ernst-Sieberts nicht nur von finanziellen Ressourcen abhängt sondern auch von den menschlichen Ressourcen – der Kreativität und Motivation der Mitarbeiter – so ist im Umkehrschluss eine positive Beschäftigungswirkung von Innovationen tatsächlich ein wichtiger Faktor zur weiteren Entfaltung der Innovationsneigung in Unternehmen (was, wie Bass einleitend darstellte, entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der KMU ist).

Anschließend daran zeigt Adam Gorzelańczyk in einer Fallstudie, wie Innovationen in einem mittelgroßen Unternehmen in Polen implementiert wurden und welche Auswirkungen es für das Unternehmen gab. Sein Beispiel ist das Customer Relationship Management (CRM) der Firma Vector, einem Unternehmen, das sich u. a. mit Sattelitenempfangstechnologien beschäftigt. In diesem Unternehmen war im Zuge eines sehr dynamischen Wachstums der unzureichende Umgang mit dem Informationsfluss zu einem Schlüsselproblem geworden. Kundendaten des Unternehmens waren über das gesamte Unternehmen verstreut. CRM umfasse die gesamte Kundenbetreuung und die damit verbundenen EDV-Prozesse eines Unternehmens und sei mit der Reorganisation vieler unternehmerischer Handlungsfelder verbunden. Der Autor zeigt, wie umfangreich in der Firma Vector die Neuorganisation war, zeigt die Effizienzgewinne und macht (ähnlich wie Ernst-Siebert) die Bedeutung des „menschlichen Faktors“ – der Überzeugung aller Mitarbeiter der Firma Vector von der Zweckmäßigkeit des Projekts – für den Erfolg dieser Innovation deutlich. Die Beschäftigungswirkung dieser Innovation ist allerdings ambivalent.

In dem abschließenden Beitrag von Hagen Krämer geht es um die Bedeutung des wirtschaftlichen Strukturwandels für KMU. Der Autor zeigt, dass KMU in Deutschland, wie in vielen anderen entwickelten Volkswirtschaften auch, vorwiegend im Dienstleistungssektor zu finden seien. In Deutschland sei die Ursache für diesen Strukturwandel weniger die Veränderung der Endnachfrage (also die höhere Einkommenselastizität der Nachfrage nach persönlichen Dienstleistungen) als vielmehr die veränderte Nachfrage der Unternehmen: aufgrund der zunehmenden Durchdringung der physischen Warenproduktion und des Warenabsatzes mit Dienstleistungs- und Servicekomponenten sowie des Outsourcing von unternehmensbezogenen Dienstleistungen.

Der Autor prognostiziert, dass die Globalisierung auch die Nachfrage nach Dienstleistungen erhöhen werde. Da in Deutschland die KMU vor allem im Dienstleistungssektortätig sind, erwartet er daher auch Wachstumsimpulse und eine zunehmende Beschäftigung in Unternehmen dieser Betriebsgrößenklasse. Nachteilig allerdings könne sich auf die Volkswirtschaft auswirken, dass im Dienstleistungssektor unterdurchschnittlich investiert und innoviert werde. Das werde noch dadurch verstärkt, dass die Vergabe von Krediten an Dienstleistungsunternehmen von den deutschen Banken zunehmend rigider gehandhabt werde (siehe dazu auch den Beitrag von Hermsdorf). Denn Dienstleistungsunternehmen, die vorwiegend arbeits- bzw. humankapitalintensiv arbeiten, verfügten aus Sicht vieler Banken nicht über die erforderlichen Sicherheiten. Dadurch könne der Produktivitätsfortschritt des Dienstleistungssektors weiter hinter den des Industriesektors zurückfallen.

Mit einem zunehmenden Anteil des Dienstleistungssektors an der gesamten Ökonomie bewirke allein ein derartiger Struktureffekt eine weitere Verlangsamung des durchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums. Da die Arbeitsproduktivität aber die entscheidende Determinante des Wachstums des Pro-Kopf-Einkommens sei, würde die zentrale Quelle des Wohlstands in weit geringerem Maße als bisher ausgeschöpft. Allein aus diesem Grund stelle es eine wichtige betriebliche und gesellschaftliche Aufgabe dar, die Innovations- und Wachstumspotentiale von KMU im Dienstleistungssektor systematisch zu fördern und zu erschließen.

 
Fazit

Die Beiträge der Autoren in diesem Sammelband zeigen die bedeutende Rolle, die kleine und mittelgroße Unternehmen in den Volkswirtschaften Polens und Deutschlands spielen, wie vielschichtig die Probleme von Unternehmen dieser Betriebsgrößenklasse sind und wie unterschiedlich die Antworten auf diese Probleme sein können: in den Unternehmen, in der Wirtschaftspolitik. Finanzierung, Internationalisierung, Innovation, Wachstum, Strukturwandel, Beschäftigung und Einkommen sind in vielfältiger Weise miteinander verflochten. Dass unterschiedliche Autoren hier unterschiedliche Ansätze vertreten, erstaunt uns als Herausgeber nicht – erstaunlich ist vielmehr, wie viele Berührungspunkte es bei der Analyse dieser doch sehr heterogenen Gruppe von Unternehmen gibt!

 

 

MITWIRKENDE BEI DER PUBLIKATION

Abel, Roland, Dipl.-Sozialwissenschaftler, Jahrgang 1975. Doktorand an der Ruhr-Universität Bochum, Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. Arbeitsschwerpunkte: Industrielle Beziehungen, Organisationsforschung, KMU, Betriebsrats- und Personalratsberatung.

Barfuß, Karl Marten, Dr., Jahrgang 1938, Professor em. für Allgemeine Volkswirtschaftslehre insbes. Geld und Währung, Hochschule Bremen, Konrektor a. D.

Bass, Hans H., Dr., Jahrgang 1954. Professor für Allgemeine Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Hochschule Bremen.

Bednarz, Joanna, Dr., Jahrgang 1972. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Außenhandel der Universität Gdańsk. Arbeitsschwerpunkte: Marketing und Finanzierung von KMU.

Bukowski, Marlene, Jahrgang 1984. Studentin im Internationalen Studiengang Volkswirtschaft der Hochschule Bremen und Austauschstudentin an der Universität Gdańsk. Schwerpunktfächer: Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Verkehrswirtschaft / Logistik.

Busse, Hans-Jürgen, Dr., Professor für Wirtschaft und Verwaltung, Dekan des Fachbereichs Nautik und Internationale Wirtschaft der Hochschule Bremen.

Ernst-Siebert, Robert, Dipl.-Volkswirt (FH), Jahrgang 1974. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Bremen, Doktorand an der Universität Bremen, Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. Arbeitsschwerpunkte: Innovations­ökonomie, Innovationsmanagement, Mittelstandsökonomie.

Feldmeier, Gerhard M., Dr., Jahrgang 1964. Professor für Volkswirtschaftslehre und Konrektor für Internationalisierung und Weiterbildung sowie Kooperationen mit der regionalen Wirtschaft, Hochschule Bremerhaven.

Fiedler, Jakob, Jahrgang 1982. Student im Internationalen Studiengang Volkswirtschaft der Hochschule Bremen. Schwerpunktfächer: Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Regionalökonomie.

Gorzelańczyk, Adam, Mag., Jahrgang 1975. Spezialist für Marketing in der Firma Vector.

Gostomski, Eugeniusz, Dr. habil., Jahrgang 1951. Professor für Wirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Bankwesen, Universität Gdańsk.

Gostomski, Wojciech, Mag., Jahrgang 1979. Doktorand an der Universität Gdańsk, Spezialist in der Firma Doradca Consulting.

Hermsdorf, Jens, Dr., Jahrgang 1966. Nach Tätigkeiten bei der Dresdner Bank, der Deutschen Bank und der Boston Consulting Group in Frankfurt, Hamburg und New York jetzt Professor für Finanzierung, Rechnungswesen, Steuern, Bankbetriebslehre und Risikomanagement und Studiendekan des Fachbereichs Nautik und Internationale Wirtschaft der Hochschule Bremen.

Hinck, Christian, MCom, Dipl.-Kfm., Jahrgang 1976. Consultant der Unternehmens­beratung GLC Glücksburg Consulting AG, Hamburg, Arbeitsschwerpunkte: Internationale Transaktionsberatung, Mergers & Acquisitions, Corporate Finance.

Jeliński, Bohdan, Dr. habil., Jahrgang 1947. Professor für Außenwirtschaftslehre und Handelspolitik, Universität Gdańsk.

Kamiński, Zenon, Dr. habil., Jahrgang 1931. Professor em. für Außenhandel und Seeversicherung, Institut für Außenhandel der Universität Gdańsk und Hochschule für Bankwesen, Gdańsk.

Koszewski, Radosław, Dr., Jahrgang 1972. Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Außenhandel der Universität Gdańsk, Arbeitschwerpunkte: Außenwirtschafts­lehre und Internationale Transportwirtschaft.

Krämer, Hagen, Dr., Jahrgang 1963. Professor für Economics, Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft.

Lungwitz, Ralph-Elmar, Dr. phil., Jahrgang 1951. Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung Chemnitz e.V., Arbeitsschwerpunkte: Management und Organisation, Netzwerke, Kooperationsbeziehungen.

Marciniak-Neider, Danuta, Prof. Dr. habil., Professorin für Internationale Transport­wirtschaft und Internationale Finanzen und Direktorin des Instituts für Außenhandel, Universität Gdańsk.

Moroz, Aleksander, Mag., Jahrgang 1972. Doktorand an der Universität Gdańsk, Marketingdirektor der Firma LPP.

Motowidlak, Tomasz, Dr., Jahrgang 1963. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Łódź, Arbeitschwerpunkte: Finanzmanagement und Leasing.

Neider, Janusz, Dr. habil., Professor für Internationalen Transport und Spedition, Institut für Außenhandel der Universität Gdańsk, Prorektor a. D.

Reszka, Leszek, Mag., Jahrgang 1976. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Logistik der Universität Gdańsk.

Schreiber, Elmar, Prof. Dr. habil., Jahrgang 1957. Rektor der Hochschule Bremen.

Siebert, Christoph Johannes, MBA, Dipl.-Kfm. (FH), Jahrgang 1976. Senior Consultant der Unternehmensberatung GLC Glücksburg Consulting AG, Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Organisations- und Restrukturierungsberatung, Corporate Finance, Beratung öffentlicher Institutionen.

Śliwiński, Rafał, Dr., Jahrgang 1974. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationalen Handel an der Ökonomischen Akademie Poznań, Arbeitschwerpunkte: Internationalisierung der KMU und Internationale Verhandlungen.

Sobol, Iwona, Dr., Jahrgang 1973. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Außenhandel der Universität Gdańsk, Arbeitsschwerpunkte: Internationale Finanzen und Factoring.

Stanowska-Hirsch, Agnieszka, Mag., Jahrgang 1974. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Außenhandel der Universität Gdańsk, Arbeitschwerpunkte: Außenwirtschaftslehre und Internationale Wirtschaftsbeziehungen.

Prof. Dr. Hans H. Bass

DE, Bremen

Professor

Hochschule Bremen Internationaler Studiengang Volkswirtschaft

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