Die Mitnahmeeffekte werden zunehmen
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Die Mitnahmeeffekte werden zunehmen

Krise und Kriminalität

Interview, Deutsch, 2 Seiten, SecuMedia Verlags GmbH

Autor: Carsten Baeck

Herausgeber / Co-Autor: Carsten Baeck

Erscheinungsdatum: 25.02.2009

Quelle: WIK

Seitenangabe: 13-14


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Krise und Kriminalität – Interview mit Risikoberater Carsten Baeck



Das Interview im Wortlaut:

Carsten Baeck, Geschäftsführer der DRB Deutsche Risikoberatung GmbH, Berlin, beschäftigt sich seit 17 Jahren mit der Risikovorsorge in Unternehmen. Seine Erkenntnis: Auf eine Wirtschaftskrise bereiten sich nur wenige vor und die dabei entstehenden zusätzlichen Sicherheitsrisiken, werden in der Regel vernachlässigt. Im Ehrenamt ist Baeck Vorsitzender des AKUS Berlin und Bundesvorstandsmitglied der ASW.

„Die Mitnahmeeffekte werden zunehmen“

Personalabbau, Massenentlassungen, Insolvenzen, Betriebsschließungen – in Wirtschaftskrisen werden Besitzstände bedroht und gehen Existenzgrundlagen verloren. Für viele, egal ob in Produktion, Büro oder Managementetage, ist die aktuelle Situation in starkem Maße belastend. Fallen dabei die Hemmungen, geht dabei der Betriebsfrieden verloren? WIK sprach mit Carsten Baeck, Geschäftsführer der DRB Deutsche Risikoberatung GmbH, Berlin, über mögliche zusätzliche Sicherheitsrisiken in der Wirtschaftskrise.


Gibt es Erfahrungen aus der Vergangenheit, wie sich Wirtschaftskrisen auf die betriebliche Sicherheit auswirken?

Carsten Baeck: In einer wirtschaftlich angespannten Situation neigen die Unternehmen zur Einsparungen aller als nicht relevant eingestuften Prozesse. In der Regel wird bedauerlicherweise betriebliche Sicherheit als nur wenig relevant betrachtet und fällt immer öfter, damals wie heute, dem Rotstift der Führungsetage zum Opfer, was sicher ein Fehler ist. Denn gerade in schwierigen Situationen eröffnen sich für gewiefte Innen- und Außentäter Möglichkeiten, sich am Firmeneigentum zu bereichern. Das extremste Beispiel dürften die 90er Jahre in der ehemaligen Sowjetunion gewesen sein. Ohne effektive Kontroll- und Schutzmaßnahmen werden Diebstahl, Unterschlagung, Korruption und organisierter Kriminalität Tür und Tor geöffnet. Firmen wurden ausgeplündert oder mit Gewalt an sich gerissen.

Es wäre sehr einfach zu behaupten, dass mit der Wirtschaftskrise gleichzeitig auch die Wirtschaftskriminalität bzw. Wirtschaftsspionage/Konkurrenzausspähung ansteigt. Sie werden feststellen, dass man je nach Interessenlage dieser Behauptung zustimmen oder dieser vehement widersprechen wird. Diese Kausalität mit konkreten Zahlen zu verifizieren dürfte wegen der eigenen Komplexität und Unterschieden zu anderen Krisen nur sehr schwer bis unmöglich sein. Aber wie schon erwähnt, gespart wird zuerst an der Sicherheit und das bedeutet, dass Kriminelle es einfacher haben und ihre Taten später oder gar nicht erkannt werden.


Und wie sieht es bei Massenentlassungen oder Betriebsschließungen aus? Muss hier mit Mitarbeiterkriminalität, etwa Sabotage, gerechnet werden.

Carsten Baeck: Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind die Arbeitnehmer unterhalb des „Middle Managements“ in Deutschland ehrliche und hart arbeitende Menschen. Selbst bei den bitteren Werksschließungen der letzten Zeit, wie Nokia, Electrolux, BenQ, blieb es bei – allerdings wütenden - Protesten. Sabotageakte in größerem Umfang oder Gewaltdelikte wurden nicht bekannt.


Was machen deutsche Unternehmen besser, damit Entlassungen und andere problematische Situationen in Betrieben ohne gewalttätige Übergriffe ablaufen? In den USA hat das Delikt „workplace violence“ ja einen weitaus höheren Stellenwert als bei uns.

Carsten Baeck: Machen die deutschen Unternehmer es wirklich besser? Ich zweifle daran, denn auch in vielen in Deutschland ansässigen Unternehmen gelten US-amerikanische Managementregeln. Ich denke eher, dass bei uns die Hemmschwellen für Gewalt höher liegen und es Affekttäter auch nicht ganz so einfach haben, sich Waffen zu verschaffen. Es sind sehr viel weniger Waffen im Umlauf und es gibt bei uns auch keinen Supermarkt um die Ecke, bei dem man sich rasch eine besorgen könnte.


Verhalten sich Manager in Krisen hinsichtlich doloser Aktivitäten signifikant anders als die anderen Mitarbeiter?

Carsten Baeck: Bei vielen hochdotierten Mitarbeitern in Unternehmen, also Managern oder auch Ingenieuren, existiert, wie Untersuchungen nahelegen, wohl tatsächlich eine besondere „Mitnahmementalität“, bei der die Grenzen zwischen legitimen und unerwünschten, legalen und illegalen Handlungen verwischen. Diese Mitnahmementalität blendet manche auch für Krisen. Da werden trotz dicker Verluste beim Ausscheiden noch Bonuszahlungen ausgehandelt – sicher legal, aber ziemlich schlecht fürs Firmenimage und den Betriebsfrieden – oder, und das ist leider Alltag, Vertriebsunterlagen, technische Daten oder Forschungsunterlagen mitgenommen. Gerade in Krisenphasen, wenn auch die Arbeitsplätze dieser Mitarbeiter zur Disposition stehen, ist also damit zu rechnen, dass „Mitnahmeeffekte“ zu Lasten der Unternehmen häufiger werden. Ironischerweise gehören aber gerade die Sicherheitssysteme zur Prävention und Aufdeckung solcher Delikte, also die Interne Revision oder der Informationsschutz, zu den Bereichen, bei denen in wirtschaftlich schwierigen Phasen besonders früh gespart wird. Wir empfehlen Unternehmen und insbesondere Aufsichtsgremien natürlich das Gegenteil, denn beim der Krise folgenden Aufschwung, sollten wichtige Firmengeheimnisse nicht dem Wettbewerber vorliegen.


Gibt es zusätzliche Maßnahmen, die Sie mit Blick auf eine drohende Krise, den Unternehmen jetzt zur Umsetzung empfehlen würden?

Carsten Baeck: Der Aufbau eines umfangreichen und - wie von Gesetzgeber geforderten - ganzheitlichen Risikomanagementsystems samt einem klar definierten „Business Continuity Management System“, ist mehr denn je ein Muss. Natürlich behaupten fast alle Unternehmen, dass sie über so ein System verfügen oder Risikomanagement betreiben. Doch frage ich, wenn sie so etwas haben, wie kommt es, dass so viele Unternehmen (zum Beispiel Banken) jetzt in der Krise stecken und nach staatlicher Hilfe rufen? Die Antwort ist einfach, entweder kannten sie die Risiken und es war ihnen egal oder sie kannten diese nicht. In beiden Fällen kann man von keinem funktionierenden Risikomanagement sprechen.

Der Ökonom John Kenneth Galbraith kreierte die wenig schmeichelhafte Formulierung „konventionelle Weisheit“ (conventional wisdom). Sie besagt, dass wir Wahrheit mit Bequemlichkeit assoziieren. Anders ausgedrückt, dass das, was mit unseren Interessen und persönlichem Wohlbefinden im Einklang steht oder bestmöglich negative Einflüsse auf unser Leben auszublenden vermag, wird als Wahrheit akzeptiert. Risiken haben in dieser „Wahrheit“ keinen Platz und sind wie Risikomanager nur Störenfriede in einer heilen Welt, die der nächsten Bonuszahlung im Wege sind.

Natürlich werden in den Unternehmen in guten Zeiten Krisenszenarien entwickelt und manchmal auch geübt. Doch dabei stehen vor allem klassische Szenarien im Mittelpunkt, etwa solche, die mit der Produktion gefährlicher Stoffe einhergehen oder das Versagen technischer Systeme, speziell von IT und Kommunikation, behandeln. Es geht um Business Recovery, damit Pannen in Teilsystemen eines Unternehmens nicht das gesamte Unternehmen gefährden.

Ein kurzer Exkurs: Um ein Krisenszenario richtig verstehen zu können, muss man zuerst wissen wie groß der potentielle Schaden für das Unternehmen sein wird. Im Rahmen des Risikomanagements und „Business Continuity Managements“ sollten die Unternehmen einen „Business Impact Analyse Prozess“ aufbauen. Erst dadurch können die Schäden, zum Beispiel durch Wegbrechen eines oder mehrerer Märkte, Versagen oder Ausfall von Abteilungen oder Prozessen, quantifiziert werden. Ohne diese Daten können keine objektiven Entscheidungen getroffen werden und umgesetzt werden.

Aber auch bei der Umsetzung hapert es oft, denn zum Krisenmanagement gehört in der Regel auch eine funktionierende Krisenkommunikation. Schauen sie sich doch nur die Kommunikation einiger Unternehmen während eines Streiks in einem Verkehrsunternehmen an: Da stehen die Kunden im Regen, wissen nichts oder erhalten laufend widersprüchliche Informationen. Professionelle Kommunikation sieht anders aus. Diese lässt sich Trainieren, doch stelle ich zu oft fest, dass gut dotierte Pressesprecher oder Leiter der Unternehmenskommunikation, einmal im Amt, nicht zugeben dürfen, dass laufende Qualifizierung notwendig ist und der Live-Test der eigenen Befähigung als unkalkulierbares Risiko für die eigene Karriere erscheint. Sicher sind einige durchaus krisenerprobt, doch was ist mit ihren Mitarbeitern? Fest steht, ohne eine geübte und klare Krisenkommunikation wird das Krisenmanagement extrem behindert und unnötig erschwert.


Nochmals zurück zur Unternehmenssicherheit: Was ist, wenn alle Rettungsversuche schief gehen? Zu welchen Maßnahmen rät der externe Krisenberater einem Insolvenzverwalter, wenn das Management aufgibt?

Carsten Baeck: Wenden sie sich an einen Spezialisten. Vor allem bei Unterschlagung und Abfluss von Geldern oder anderer Werte ins Ausland ist Vieles nicht verloren. Es gibt forensische Experten zur Datensicherung auf Computern und Netzwerken, professionelle Ermittler und Anwälte, die auf das Aufspüren von Vermögen im Ausland und dessen Rückgewinnung spezialisiert sind.

Carsten Baeck

DE, Berlin

Geschäftsführender Gesellschafter

DRB Deutsche Risikoberatung GmbH

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